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Handlungsspielräume

Befehl ist nicht gleich Befehl. Häufig befinden sich Befehlsgeber und Empfänger nicht zur selben Zeit am selben Ort. Dann ist der Befehlsempfänger auf sich gestellt und muß entscheiden, ob und wie der Befehl ausgeführt wird. Ein Befehl ist nicht immer eine detaillierte Anweisung, stets aber ein Auftrag, der zum Handeln ermächtigt.

Befehlssituationen eröffnen Handlungsmöglichkeiten, die nach verschiedenen Seiten genutzt werden können. Gleichwohl sind sie nicht beliebig offen. So ist die individuelle Wahrnehmung der Situation wesentlich dafür, ob und wie Handlungsspielräume genutzt werden. Die militärischen Funktionen sowie die jeweiligen Positionen in der Hierarchie beschränken und eröffnen zugleich Möglichkeiten des Handelns.

Das Individuum entscheidet, wie es sich in einer gegebenen Situation verhält. Niemand kann einem anderen die Verantwortung für sein Tun abnehmen.

»Befehl ist Befehl«

Am 8. Mai 1954 verurteilte das Landgericht Darmstadt den ehemaligen Kompaniechef Friedrich Nöll und seinen Hauptfeldwebel Emil Zimber wegen Beihilfe zum Totschlag zu vier beziehungsweise drei Jahren Gefängnis. Das Urteil wurde 1956 auf drei und zwei Jahre Haft herabgesetzt. Nöll und Zimber waren nach Ansicht des Gerichts für die Erschießung der jüdischen Bevölkerung von Krutscha — vornehmlich alte Menschen, Frauen und Kinder — verantwortlich.

»PARTISANENGEFAHR«
Im Herbst 1941 war das 691. Infanterieregiment mit »Sicherungs- und Befriedungsaufgaben« im besetzten Weißrußland, westlich von Mogilew, Orscha und Witebsk, beauftragt. Zwar meldete das I. Bataillon täglich »Feindberührungen«, von einer Partisanengefahr konnte aber keine Rede sein.

Einer der Kompanieführer, Oberleutnant Hermann Kuhls, nahm Ende September 1941 an einem Lehrgang »Bekämpfung von Partisanen« teil, der vom Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Mitte, General Max von Schenckendorff, initiiert worden war. Auf dieser Schulung wurde der Satz geprägt: Der Jude ist der Partisan, der Partisan ist der Jude. Für die erste Oktoberwoche meldete das I. Bataillon, daß als Vergeltungsmaßnahme für die Verwundung eines deutschen Soldaten und die angebliche Verbindung zu Partisanen insgesamt 41 Juden getötet wurden.

In diesem Zusammenhang erteilte Major Alfred Commichau, Kommandeur des I. Bataillons des 691. Infanterieregiments, Anfang Oktober 1941 seinen drei Kompanieführern Hermann Kuhls, Josef Sibille und Friedrich Nöll den mündlichen Befehl, die gesamte jüdische Bevölkerung in den jeweiligen Quartiersorten zu erschießen.

EIN BEFEHL — DREI AUSFÜHRUNGEN
Der Führer der 1. Kompanie, Oberleutnant Josef Sibille, Jahrgang 1894, im Zivilberuf Lehrer, seit 1933 NSDAP-Mitglied, Block- und Zellenleiter, führt laut eigener Aussage den Befehl nicht aus. Eine Verbindung zwischen Juden und Partisanen, so erklärt er dem Bataillonskommandeur, könne er nicht erkennen. Ohnehin bestehe die jüdische Bevölkerung in seinem Bereich nur noch aus Greisen, Frauen und Kindern, die allesamt die Sicherheit der Truppen nicht gefährdeten. Ein oder zwei Tage später erkundigt sich Commichau telefonisch, ob der Befehl inzwischen ausgeführt sei. Sibille lehnt den Befehl ausdrücklich ab. Auf die Frage Commichaus, wann er denn endlich einmal hart werde, habe er geantwortet: Nie.

Oberleutnant Hermann Kuhls, Führer der 2. Kompanie, zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt, Mitglied der NSDAP, der SS und Teilnehmer des Partisanen-Lehrgangs, führt den Befehl offenbar ohne zu zögern und umstandslos aus.

Der dritte Kompaniechef, Hauptmann Friedrich Nöll, Jahrgang 1897, im Zivilberuf ebenfalls Lehrer, zögert. Er bespricht die Sache mit seinem Hauptfeldwebel Emil Zimber. Beide sind unsicher, da ihnen sehr wohl klar ist, daß der Befehl auch die Erschießung von Frauen und Kindern bedeutet, obwohl keinerlei Hinweise vorliegen, daß die jüdische Bevölkerung von Krutscha, einem Dorf mit etwa 1.000 Einwohnern, etwas mit Partisanen zu tun hat. Sie bitten um eine schriftliche Bestätigung des Auftrags. Wenig später erreicht sie der Befehl des Bataillonskommandeurs: Die Juden in Krutscha sind zu erschießen. Nöll und Zimber sind konsterniert, ein Mißverständnis ist nicht möglich. Nöll wehrt zunächst ab, dann siegt die Furcht vor den möglichen Folgen einer Befehlsverweigerung. Nöll beauftragt Zimber, sämtliche Juden des Ortes zu erschießen. Der Unruhe unter den Soldaten wegen des Mordbefehls tritt Zimber nach eigenen Angaben mit dem Hinweis entgegen, daß die ganze Sache von höherer Stelle entschieden sei. Befehl sei eben Befehl.

Am 10. Oktober 1941 werden die Juden aus Krutscha von Soldaten der 3. Kompanie des 691. Infanterieregiments und einheimischen Hilfspolizisten aus den Häusern geholt, zusammengetrieben, an einen Graben außerhalb der Stadt geführt und dort erschossen.

Während der Erschießung kommt es zu einem Zwischenfall. Nach eigenen Angaben schließt der dem Kommando zugeteilte Gefreite Wilhelm Magel bei der Schußabgabe die Augen, so daß er vermutlich sein Opfer verfehlt. Jedenfalls sind nicht alle Juden tot. Magel wird daraufhin ausgetauscht und einem Absperrkommando zugeteilt, die Erschießung wird fortgesetzt.

NACHKRIEG
Der Bataillonskommandeur Commichau und der Kompanieführer Kuhls überlebten den Krieg nicht. Hauptmann Nöll und Hauptfeldwebel Zimber wurden angeklagt und verurteilt. Den Gefreiten Magel sprach das Gericht frei.

 

 

Karl Friedrich Nöll und Emil Zimber auf der Anklagebank vor dem Landgericht Darmstadt, 9.3.1956
ullstein bild

 

 

   

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